kath. Pfarrei und Kirchgemeinde Abtwil-St.Josefen
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Nackte bekleiden - Vor Seelenkälte schützen

Die erste Güte, die Menschen nach ihrer Geburt erfahren: Sie werden gestillt, und sie werden bekleidet. Nacktheit ist wohl die tiefste Form der Verletzlichkeit und der Wehrlosigkeit.

Jemanden bekleiden heisst, jemanden am Leben erhalten.

Angesichts dieses Werkes der Barmherzigkeit frage ich mich, wie wir unsere Kinder bekleiden, dass sie leben können, dass sie ihre Lebenshäuser als warme und bewohnbare Stätten erleben. Unsere Kinder können nicht nur körperlich frieren. Sie können auch vor Seelenkälte erstarren. In unserer Gesellschaft sind die meisten Kinder vor Wind und Wetter geschützt. Das allein heisst noch nicht, dass ihre Seele gewärmt ist. Meine Frage ist: Wo wärmen sich unsere Kinder an der alten Sprache, die uns sagt, dass das Leben gut ist; dass Gott es in seiner Hand hält und dass nichts in eisige Abgründe stürzt?

In Erich Kästners Roman „Das doppelte Lottchen“ gibt es gegen Ende folgende Szene: Der raffinierte Plan der Zwillinge hat die getrennt lebenden Eltern wieder zusammengebracht. Sie überlegen, ob sie dem Wunsch der Mädchen folgen und zusammenbleiben können. Diese warten während des Gesprächs voller Angst und Hoffnung vor dem Zimmer, und eines sagt zum anderen: „Wenn wir jetzt doch beten könnten!“ Aber es fällt ihnen kein Gebet mehr ein ausser dem einen: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“ Damit hatten sie noch eine letzte Erinnerung an das Gebet, an die grosse Sprach der Wünsche, die ausgreift bis ins Land des Gelingens und die in störrischem Trotz mehr verlangt, als die Gegenwart bietet.

Wozu brauchen Kinder Religion, fragen viele skeptisch. Ich benutze zunächst eine ästhetische Kategorie: Es ist schön, dass die Zwillinge im „Doppelten Lottchen“, dass meine Enkelkinder eine grosse poetische Sprache für ihre Wünsche und Befürchtungen haben. Es ist schön, dass unsere Kinder ihr Leben bergen können in die grossen Bilder des Glaubens; dass sie es bergen können in die Hände und den Schoss Gottes. Es ist schön, dass sie das Essen nicht anfangen, als sei Brot eine pure Selbstverständlichkeit, sondern vorher ein Wort des Dankes sprechen.

Ich frage, wie der Glaube den Kindern leben hilft. Es ist eigentlich nicht anders als bei uns Erwachsenen. Kinder sind Menschen mit Ängsten und Wünschen. Angstlosigkeit und Lebensvertrauen müssen sie Lernen, wie man alles lernen muss. Wir können nicht sagen: Warten wir mit der religiösen Erziehung, bis die Kinder 16 Jahre alt sind und sich selber entscheiden können! Kinder haben jetzt ihre Ängste, nicht erst, wenn sie 16 sind. Warum sollten wir ihnen jetzt die Sprache vorenthalten, die sie tröstet und die ihre Ängste bannen kann? Kinder erleben jetzt, wie ihre Eltern sich trennen, sie sehen jetzt die Bilder des Krieges, die sie erschrecken: Sie erleben jetzt, wie Menschen um sie herum sterben. Warum sollten sie erst viele Jahre später von den Broten essen, die uns Erwachsene am Leben halten?

Könnte es sein, dass wir unseren Kindern gerade dann die Freiheit des Glaubens und Unglaubens verstellen, wenn wir sie vor der Einführung in die Schätze der Religion bewahren? Wie kann der ein Verhältnis zur Musik bekommen, von dem man sagt, er solle sie erst im späteren Alter kennen lernen? Kinder brauchen Menschen mit deutlichen Gesichtszügen und klaren Optionen. Sie brauchen Menschen, die sie mit hineinnehmen in ihren eigenen Lebensglauben, sei er religiös oder nicht. An den Gesichtszügen der Erwachsenen lernen sie ihr eigenes Gesicht: Unsere Kinder finden ihr Gesicht, wenn sie die Gesichter von anderen wahrnehmen.

Darf man Kinder religiös erziehen? Religiöse Menschen geraten, wenn diese Frage an sie gestellt wird, immer in Verteidigungszwänge. Ich möchte die Frage auch andersherum stellen: darf man Kindern Religion vorenthalten Denn auch die müssen wissen, was sie tun, und auch die stehen unter Begründungszwang, die ihre Kinder in einem religiösen Vakuum aufwachsen lassen. Es mag für viele die religiöse Erziehung ihrer Kinder nicht mehr selbstverständlich sein. Aber ebenso wenig selbstverständlich ist die religiöse Ignoranz und Verwilderung, denen wir sie aussetzen.

Wie aber lehren wir die Sprache der grossen Wünsche, der Träume und des Rechts, wenn der Glaube von uns Älteren und Alten selber seine Risse bekommen hat? Wir leben nicht mehr in den Zeiten der alten Sicherheiten und des unbezweifelten Wissens. Das aber gibt uns kein Recht zu schweigen. Ich habe vor einiger Zeit eine junge Frau getroffen. Sie erzählte von ihren kleinen Kindern und sagt dann: „Mein Glaube ist im Laufe der Jahre brüchig geworden. Ich hab ihn nur noch in Fragmenten. Aber eines kann ich noch: ich zeichne den Kindern jeden Abend ein Kreuz auf die Stirn und sage zu jedem: Gott behüte dich.“ Die junge Frau bedeckt ihre Kinder am Abend mit einem Zeichen, an das ihre Hand mehr glaubt als ihr Herz. Auch das ist eine Form des Glaubens. Weil sie ihre Kinder liebt, liefert sie sie nicht nackt den kalten Nächten aus.

Ich bewundere die Demut dieser Frau, die ihre eigene Glaubenskargheit nicht zum Massstab für das macht, was sie ihren Kindern erzählt. Der Hunger der Kinder öffnet ihr den Mund für das, was sie selbst kaum sagen kann. Der Hunger der Kinder baut an ihrer Sprache. Sie lernt den Glauben, indem sie das kleine Zeichen des Glaubens wagt. Was soll daran falsch sein? Sie lässt ihre Kinder nicht am mageren Arm ihrer eigenen Redlichkeit verhungern. Den Bruch mit der Traditionen haben wir Alten vollzogen und erlitten. Aber wir leben noch von den Bildern, der Lebensauffassung und der Moral jener Überlieferungen. Unsere Kinder werden sie nicht mehr kennen, wenn wir stumm bleiben und uns bescheiden in der eigenen Sprachlosigkeit.

Nackte bekleiden: die Seelen unserer Kinder nicht stumm und ohne Lieder lassen.“

Natürlich finde ich im genannten Büchlein noch viel mehr Gedanken zum Thema Barmherzigkeit. Der hier mitgeteilte verrät mein Lehrerinnenherz. Andere hätten auch den Wert gelesen und gehört zu werden.

Barbara Wälti

 

 

 

 

Ruhmann, C. / Witt, T. (Hg ) - 3x7 Zusagen des Glaubens - Ohne Liebe ist nichts – Bonifatius 2015 – ISBN 978-3-89710-622-2


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