kath. Pfarrei und Kirchgemeinde Abtwil-St.Josefen
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Das Wechselspiel der Begriffe Barmherzigkeit und Gnade bei Paulus

„Gerecht gemacht aus Glauben“ – So lautet der zentrale Begriff des Paulus in seiner theologischen Argumentation im Römer- und Galaterbrief. Diese Formulierung ist aufgrund einer jahrhundertelangen Diskussion, die sich in vielen biblischen Schriften niederschlägt, als Lösung der Frage zu verstehen, wie denn der schwache Mensch vor dem ewigen Gott bestehen kann. Wie ein roter Faden zieht sich etwa durch die Psalmen und die Prophetenbücher die Frage, wie der immer wieder versagende Mensch vor Gott überhaupt Erbarmen und Verzeihung finden kann. Eine der probaten Antworten auf diese Frage war in den archaischen Religionen das Opfer, zumeist ein Brandopfer, das die göttlichen Mächte besänftigen und beruhigen sollte, zumeist ein Opfer von Früchten des Feldes oder von Tieren, im Extremfall (Gen 21!) aber auch ein Menschenopfer. Noch in der Erzählung der Darstellung Jesu im Tempel durch Maria und Josef (Lk 2) klingt dieses Thema nach.

 

Dem gegenüber steht aber immer auch schon das Wissen um und das Reden von der Barmherzigkeit Gottes, die alles menschliche Wissen und Vermögen übersteigt. Aufgrund einer Jahrhunderte andauernden Diskussion zwischen priesterlicher und prophetischer Deutungshoheit in dieser Frage kristallisiert sich zur Zeit der grossen Katastrophe des babylonischen Exils (6.Jh.v.Chr.) immer mehr die Erkenntnis heraus, dass keinerlei Opfergaben, ja keinerlei Menschentat, ausreicht, um die Barmherzigkeit Gottes zu gewinnen, ja dass sich Gott vielmehr jedem Menschen in seiner Barmherzigkeit zuwendet, wenn der nur genug offen und bussfertig ist. Zwei klassische Bibeltexte zeigen dies beispielhaft:

 

Zunächst der Busspsalm 51: „Schlachtopfer willst Du nicht, ich würde sie Dir geben, an Brandopfern hast Du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verschmähen.“ (Verse 18f)

 

Daraus folgert der Prophet Ezechiel (Lesung der Osternachtfeier): „Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (36,25f)

 

Auf dieser Erkenntnis, die am Ende der Theologie des Alten (Ersten) Testaments steht, baut Paulus nun in seinen wichtigsten Briefen auf und deutet weiter: Die unendlich grosse Barmherzigkeit Gottes hat sich letztendlich und für alle Generationen, auch die kommenden, im Christus-Ereignis, dem Leiden und Sterben Jesu am Kreuz, gezeigt. Im 5.Kapitel des Römerbriefes argumentiert er beispielhaft so:

„Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.“ (Verse 18f)

 

Der Kernbegriff, mit dem Paulus dies letztendlich zusammenfasst, ist der uns antiquiert erscheinende Ausdruck Gnade. Mit „Gnade“ ist diese freie und keine Vorleistungen erwartende Grundhaltung des in Jesus von Nazareth erschienenen Gottes gemeint, die zudem auch alle noch folgenden Generationen umfasst. Mit diesem Begriff ist - biblisch-christlich-theologisch gesehen - ein Schlussstrich gezogen unter alle Diskussionen, ob und wie sich ein Erdenmensch „Seelenheil“ und Rettung erwerben kann. Weder durch Opfer, weder durch materielle Leistungen, und auch nicht strenge Bussübungen, sondern einzig und allein, weil Gott sich ihm in Jesus bereits gnädig-barmherzig erwiesen hat.

 

Fasse diese Aussage, wer es kann und will. Sie befreit uns nicht von der Verpflichtung, ein anständiges Leben als Gerechtgemachte und Gerechte zu führen. Sie befreit uns aber von der quälenden Sorge, ob wir genügen und bestehen können!

 

Heinz Angehrn

 


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