kath. Pfarrei und Kirchgemeinde Abtwil-St.Josefen
Platzhalter Platzhalter Platzhalter
Platzhalter Platzhalter

Barmherzigkeit und Wirtschaftsethik

Ähnlich wie die Benediktsregel mit der Haltung des Hörens beginnt, ruft Patrick D. Cowden, der mit Führungspositionen in grossen internationalen Unternehmen vertraut ist, zu einer Hinkehr und Umsetzung Menschen hochachtender Werte auf, er schreibt gegenüber Managern, die sich immer noch über menschenwürdige Werte hinwegsetzen: „So please, you agents of change, first: you listen – second: to the people – third: before anything else.“[1]

Cowden, der früher als Topmanager bei Unternehmen wie Bertelsmann, Cap Gemini, Dell, Deutsche Bank, EMC² und Hitachi für Recordergebnisse quasi ‚alles machbar machte‘,  berichtet von den Prägungen, die innerhalb solcher Unternehmen herrschen, wo Erfolg mit Menschenverachtung verwechselt wird. Er setzt sich heute mit aller Kraft für eine andere Unternehmenskultur ein, in der Respekt, Vertrauen, Fairness, Achtsamkeit, Empathie, Wertschätzung, Toleranz umgesetzt werden, sozusagen in ‚gelebten Buchstaben‘, wie es in der amerikanischen Redensart heisst: WALK THE TALK!

 

Dabei geht es ihm vor allem um eine nachhaltige Beziehungsqualität auf allen Ebenen eines Unternehmens: Das menschliche Miteinander als Grundkraft für jeden Erfolg.

 

Was hat das mit Barmherzigkeit zu tun? Barmherzigkeit ist eine sehr realistische Herangehensweise an das Leben. Denn sie weiss um das Scheiten und die Zerbrechlichkeit des Menschen und des Machbaren. Cowden hat solches Scheitern auf der Basis wirtschaftlich üblicher Recordergebnisgepoltheit in seinem eigenen Leben und im Leben seiner Hochleistungsmitarbeitenden erlebt, was beispielsweise den Zerbruch wertvoller menschlicher Beziehungen bedeutete. Barmherzigkeit koppelt den Realitätssinn, der auch die Welt des Messbaren und Zahlbaren kennt, und ‚die fürsorgende, mütterliche Hand‘. Für diese Verbindung setzt sich Cowden ein, beispielweise auch an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, wo er an der HWZ-Arena im Oktober 2015 zum Thema „Der Mensch im Fokus – jetzt erst recht!“ mitwirkte.

 

Im Januar 2016 konnte ich im Blick auf unser Thema ‚Barmherzigkeit und Wirtschaftsethik‘ mit Markus Isenrich ein Gespräch führen. Er wohnt in der Region unserer Seelsorgeeinheit und befasst sich seit vielen Jahren mit Führungsfragen in verschiedenen Unternehmen.

 

Auch er bestätigt, dass die ‚Hauptressource‘ in der heutigen Wirtschaft der Mensch ist. Eine ‚wertfreie Wirtschaft‘ gibt es für Markus Isenrich nicht. Es geht um ‚Menschen in der Wirtschaft‘. Die Geschichte dieser Menschen ist nicht wertlos oder wertfrei. Allerdings bemerkt er, dass die aktuell in der Wirtschaft Tätigen mit einer anderen Sichtweise von dem, was Ergebnisse sind und wie diese entstehen, konfrontiert sind. Dabei geht es beispielsweise immer weniger um die Frage, welche langfristigen Ertragspotentiale geschaffen wurden. Es geht vielmehr auf der Basis von Quartalsabschlüssen darum, was die Analysten erwarten und wie sich diese Erwartungen erfüllen lassen. – Und doch macht es mittendrin in diesen Mechanismen einen Unterschied, ob Menschen eine Qualität von Geschäftstätigkeit anstreben, die ‚ehrenhaft‘ genannt werden kann, oder ob ein ‚ergaunerter Reichtum‘ übrig bleibt. Insgesamt geht es dabei um die Frage ‚gelebter Werte‘. In den Unternehmen braucht es deshalb Menschen, wertvolle Persönlichkeiten, die zusammen entsprechende Werte umsetzen.

 

So stellt sich die Frage: Gibt es Berührungspunkte von Wirtschaft und Barmherzigkeit? Auf den ersten Blick vielleicht eher nicht. – Betrachten wir Barmherzigkeit im Ursprung der hebräischen Wortherkunft, so sieht es anders aus: Das  hebräische  Wort  für  Barmherzigkeit  ist  rachamim,  die  Mehrzahl  von „rechem“,  was  eigentlich  wörtlich  ‚Gebärmutter‘  bedeutet. So bedeutet Gottes Barmherzigkeit: mütterlich, bergend dasein für das Leben.

 

Diese fürsorgliche Haltung im Sinne von Barmherzigkeit kann sich durchaus in einem verantwortungsbewussten Umgang in einem Unternehmen wiederspiegeln. Markus Isenrich bringt dazu Beispiele: ab einem Alter von 55 Jahren wird langgedienten Mitarbeitenden des Unternehmens nicht mehr gekündigt; gehandikapten Menschen werden ebenso Anstellungen gegeben; auf den 31.12. wird nicht gekündigt (‚negative Aufladung einer jahreszeitlich geprägten Zeit‘); gerechter Umgang mit Gewinnen gegenüber Kunden, Aktionären und Mitarbeitenden -> beispielsweise nicht die Dividende erhöhen und gleichzeitig die Löhne senken.

 

Ansonsten ist Barmherzigkeit für den ehemaligen HR-Verantwortlichen etwas, was zwischen Menschen in der Wirtschaft stattfinden kann. Barmherzigkeit eines Systems ist nicht vorstellbar. Wie Vertrauen ist sie ein Wert, der nicht (ver-)kaufbar oder erzwingbar ist. Vertrauen, das für den Experten im unternehmerischen Alltag zu den Leitorientierungen gehörte, lässt sich nach Isenrich ‚nur‘ verschenken, ähnlich der Haltung der Barmherzigkeit. Diese wie auch andere Werte finden zwischen Menschen in der Wirtschaft statt. Dabei finde ich bei meinem Gesprächspartner ähnliche Aussagen wie bei Cowden: nach ihm sollten entsprechende Werthaltungen gelebt und vorgelebt werden, angefangen bei den oberen Ebenen der Unternehmenshierarchien.

 

Werteorientierungen, die den Menschen in seinem Wert anerkennen und die Kraft des Miteinanders fördern, zeigen sich letztlich auch als stärkende Faktoren für nachhaltigen Erfolg.

 

Andreas Barth

 

[1] Cowden, P.D.: Neustart. Das Ende der Wirtschaft, wie wir sie kennen. Ab jetzt zählt der Mensch, München 2013, S. 95.


Aus der Präsentation von Klaus Jost beim Vortrag ‚Fair play im Berufsalltag – Mit Werten führen!‘, Christlicher Führungskräftekongress 2015 in Hamburg.


  Home